
Dieses Autorenmaterial dient nur zur Information und gibt ausschliesslich die Meinung des Autors wieder.
Sie zahlen nicht für den Fernseher. Sie zahlen für unabhängigen Journalismus
Jedes Jahr erhalten Millionen von Menschen in der Schweiz eine Rechnung von Serafe – und einige von ihnen beginnen sich zu empören: „Aber ich schaue SRF nicht. Ich schaue sowieso nur Netflix und YouTube. Warum sollte ich dafür bezahlen?“
Das ist eine berechtigte Frage. Und um sie ehrlich zu beantworten, muss man verstehen, was SRG SSR eigentlich ist und welche Rolle sie in der Schweiz spielt.
Was ist SRG SSR
SRG SSR ist kein staatliches Fernsehen. Es ist eine öffentlich-rechtliche Mediengesellschaft, die als Verein organisiert ist und Inhalte für alle vier Sprachregionen des Landes produziert:
- SRF – für die deutschsprachige Schweiz
- RTS – für die französischsprachige
- RSI – für die italienischsprachige
- RTR – für die rätoromanische (eine der vier Landessprachen)
- SWI swissinfo.ch – die internationale Redaktion in 10 Sprachen
Die SRG beschreibt sich selbst als unabhängige öffentlich-rechtliche Mediengesellschaft, die in allen Landesteilen und Sprachen tätig ist. Das Schlüsselwort ist unabhängig. Unabhängig vom Staat, von kommerziellen Werbekunden, von jeder Partei. Die Mehrheit der Kosten für ihre Tätigkeit wird gerade von der Bevölkerung getragen.

Der SRF-Komplex in Zürich ist eine der redaktionellen Einheiten der SRG SSR.
Wie alles begann: 1931
Am 24. Februar 1931 schlossen sich die regionalen Radiostrukturen aus Lausanne, Genf und Zürich zu einer einzigen Organisation zusammen – der Schweizerische Rundspruch-Gesellschaft. Im selben Jahr erteilte ihr der Bundesrat die einzige Konzession für den Rundfunk in der Schweiz.
Die Idee war von Anfang an nicht, «Fernsehen zu machen», sondern eine landesweite Sendeinfrastruktur zu schaffen für ein mehrsprachiges, föderalistisches Land. Diese Logik ist bis heute aktuell.
Wozu die Schweiz die SRG braucht – drei Funktionen
1. Informationsfunktion
Die Bürgerinnen und Bürger müssen vor Abstimmungen, Wahlen und öffentlichen Debatten Zugang zu überprüften Informationen haben. In der direkten Demokratie der Schweiz finden jährlich mehrere Referenden statt – und die Bürgerinnen und Bürger müssen eine informierte Wahl treffen können.
Kommerzielle Medien können es sich leisten, Abstimmungen in einem kleinen Kanton oder die Kosten für investigativen Journalismus nicht abzudecken. Die SRG kann dies nicht, es ist ihr Mandat.
2. Sprachfunktion
Die Schweiz ist ein Land mit vier Landessprachen. Deshalb produziert die SRG nicht nur Inhalte für die grossen Sprachregionen, sondern auch für sehr kleine Gemeinschaften. Die rätoromanische Sprachgemeinschaft ist die kleinste: Laut EDA und Lia Rumantscha haben rund 40’000 Menschen Rätoromanisch als Hauptsprache, rund 60’000 sprechen es und rund 100’000 verstehen es. Kein kommerzielles Modell würde eine Vollversorgung für diese Zielgruppe finanzieren. Die SRG tut dies, weil es ihr Leistungsauftrag und die Bundesverfassung (Artikel 93) so verlangen.
3. Krisenfunktion
In grossen Krisensituationen ist die SRG das offizielle Informationsorgan des Bundesrates. Über das System Icaro kann sie offizielle Anordnungen der Behörden verbreiten. Das ist keine Propaganda – es ist die Infrastrukturrolle der Medien in Notsituationen.

Die Sendeinfrastruktur bleibt Teil der Krisenkommunikation.
Unterschied zwischen Staatsmedien und Service-public-Medien
Hier liegt ein zentraler Punkt, der oft verwechselt wird.
Staatlich oder staatlich kontrolliertes Fernsehen wird von der Regierung finanziert und faktisch kontrolliert. In solchen Modellen ist die redaktionelle Unabhängigkeit stark eingeschränkt oder nicht vorhanden: Die politische Führung kann bestimmen, was und wie gesendet wird. Ein klassisches Beispiel sind der russische Sender Perwy kanal und andere staatliche Medien, die als Teil des Propagandaapparates fungieren.
Öffentlich-rechtliches Fernsehen (BBC in Grossbritannien, ARD/ZDF in Deutschland, SRG in der Schweiz, ORF in Österreich) wird von den Gebührenzahlern durch einen obligatorischen Beitrag finanziert – ist aber redaktionell unabhängig von der Regierung. Der Staat kann nicht bei SRF anrufen und sagen «sendet diesen Bericht nicht».
Diese Unabhängigkeit ist gesetzlich und strukturell geschützt. Redaktionelle Entscheidungen werden von Journalisten getroffen, nicht von Ministern.
Beispiel: Russland
Das Putin-Russland hat unabhängige Medien planmässig zerstört. „Doschd“, „Nowaja gaseta“, „Meduza“ – alle sind entweder ins Exil geflohen, verboten oder unterdrückt. Übrig geblieben sind staatliche Kanäle, auf denen kein Platz für Kritik an der Regierung, für die Wahrheit über den Krieg oder für unbequeme Fakten ist.
Russland finanziert systematisch internationale Staatsmedien, insbesondere RT (Russia Today), als Instrument des externen Informationsflusses. Ziel solcher Kanäle ist es nicht nur, die Position des Kremls zu fördern, sondern auch Misstrauen gegenüber unabhängigen Medien und demokratischen Institutionen zu säen.
Ukraine
In der Ukraine wurden während des Kriegszustands die nationalen Fernsehsender, deren Programm hauptsächlich aus Informations- und Informationsanalysen-Sendungen besteht, zum TV-Marathon „Einheitliche Nachrichten“ zusammengefasst. Dies ist ein Kriegsinstrument einer einheitlichen Informationspolitik, das zur Bekämpfung russischer Desinformation und zur Information der Bevölkerung während der Invasion geschaffen wurde.
Gleichzeitig wirft ein solches Modell unweigerlich Fragen bezüglich Medienpluralismus und politischer Ausgewogenheit auf. Deshalb ist der Schweizer Ansatz grundlegend anders: Die SRG wird über eine obligatorische Abgabe finanziert, ihre redaktionelle Unabhängigkeit ist jedoch gesetzlich geschützt und darf nicht von der Regierung oder von Parteien abhängen.
Woher kommt das Geld der SRG – und wohin fliesst es
Einnahmequellen (2024)
- 82,4% – Medienabgabe (Gebühren)
- 13,3% – Kommerzielle Einnahmen (Werbung, Sponsoring)
- 4,3% – Sonstige Einnahmen
Wichtige Klarstellung: Die SRG erhält nicht 100% der Medienabgabe. Gemäss BAKOM/OFCOM beläuft sich der Gesamtertrag aus der Abgabe auf rund 1,37 Milliarden Franken pro Jahr; die SRG erhält 2025/2026 1,25 Milliarden Franken, während lizenzierte private Lokalradios und Regionalfernsehsender mit einem Anteil an der Abgabe 6% der Einnahmen erhalten – ab 2025 sind dies 86 Millionen Franken.
In absoluten Zahlen: 1,286 Milliarden Franken aus der Medienabgabe + 207,8 Millionen Franken kommerzielle Einnahmen = 1,561 Milliarden Franken Gesamtertrag.
Ausgaben (2024)
- 55,3% – Personal (852,9 Mio. CHF)
- 23,9% – Programme und Produktion (368,8 Mio. CHF)
- 20,8% – Verwaltung und übrige Kosten
Das Jahr 2024 schloss die SRG mit einem Gewinn von 15,3 Mio. CHF. Das Jahr 2025 schliesst sie mit einem Verlust von 2,9 Mio. CHF ab.
Was die SRG produziert
Gemäss dem Bericht 2025:
- Im Fernsehprogramm: 38% der Sendezeit entfallen auf Aktualitaet und Information, 14% auf Kultur und Bildung, 20% auf Filme und Serien, 13% auf Sport.
- Im Radio: 67% entfallen auf Musik, 14% auf Aktualitaet und Information.
Kuerzungen und Streitigkeiten um die Finanzierung
Der Bundesrat hat beschlossen, den Medienbeitrag schrittweise zu senken:
- 2027: 335 → 312 CHF
- 2029: 312 → 300 CHF
Die SRG warnte in ihrem Bericht 2025: Bis 2029 muss sie wegen der Senkung des Beitrags, sinkender Werbeeinnahmen und der Inflation rund ~270 Mio. CHF einsparen. Die groesste Transformation in der Geschichte des Unternehmens wurde angekuendigt – Enavant – mit einer Reduktion von rund 900 Stellen bis 2029.
Es besteht ein realer Konflikt: Die Gesellschaft will die Belastung der Haushalte senken, aber gleichzeitig vollwertige Medien für alle Sprachregionen erhalten. Diese beiden Ziele sind schlecht vereinbar.
Die „200 Franken“-Initiative und RT
An der Abstimmung vom 8. Maerz 2026 lehnten die Schweizerinnen und Schweizer die Initiative „200 Franken sind genug!“ mit 61,95% Nein zu 38,05% Ja ab. Ein deutliches Ergebnis: Fast zwei Drittel der Schweizer Stimmberechtigten waren bereit, bewusst fast doppelt so viel zu zahlen, als die Initiative vorschlug. Die Gesellschaft selbst – nicht der Staat, nicht die Werbewirtschaft und nicht die Parteien – hat sich entschieden, die Unabhaengigkeit der Journalistik von jeglichem externen Druck zu gewaehrleisten.
Mehr zu den Ergebnissen dieser Abstimmung – in unserem Artikel: Ergebnisse des eidgenoessischen Referendums in der Schweiz am 8. Maerz 2026.
Wie aber diese Initiative beworben wurde, ist eine eigene Erwaegung wert.
Wagrend der Kampagne griffen auch prorussische Nachrichtenkanale das Thema SRG auf. SRF berichtete unter Berufung auf den Tages-Anzeiger, dass der russische Staatssender RT DE die SRG angriff, ihr „Manipulation“ vorwarf und einen manipulierten Screenshot einer SRF-Seite mit dem Slogan der Initiative „200 Franken sind genug!“ verwendete.
Spaeter kritisierte Infosperber die Schweizer Medien dafuer, das Ausmass dieses „Angriffs“ ueberzogen zu haben, beschrieb aber ebenfalls dieselbe Episode mit dem Material von RT und dem manipulierten SRF-Screenshot. Daher ist die korrekte Schlussfolgerung: Es handelte sich um eine dokumentierte mediale Episode der Einmischung von RT in die Schweizer Debatte, aber ohne ausreichende Gruende, eine nachgewiesene Massen-Bot-Kampagne zu behaupten.
Dieses Beispiel ist nicht deshalb wichtig, weil es das Abstimmungsergebnis an sich entschieden haette, sondern weil es den breiteren Kontext aufzeigt: Starke, unabhaengige Medien behindern die Verbreitung von Desinformation. Eine schwache Medienlandschaft ist im Interesse derjenigen, die die oeffentliche Meinung manipulieren wollen.
Die Schweizerinnen und Schweizer haben mit „Nein“ gestimmt – und das nicht, weil sie kein Geld zählen. Sondern weil sie verstehen: Medien sind eine Infrastruktur der Demokratie.
Wie die SRG kontrolliert wird
Die SRG ist keine unkontrollierte Struktur. Mehrere Kontrollstufen:
Staatliche Aufsicht (OFCOM/BAKOM): Prüft die Erfüllung der Konzession, die Finanzkontrolle – aber nicht den redaktionellen Inhalt.
Externe Revision: Jährliche öffentliche Finanzberichterstattung mit unabhängigem Revisionsbericht.
Redaktionelle Beschwerden: Jede Person kann innert 20 Tagen nach Ausstrahlung eine Programm-Beschwerde beim Ombudsmann einreichen. Wenn der Ombudsmann die Beschwerde nicht gutheisst, kann man sich an die unabhängige Beschwerdeinstanz UBI (Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen) wenden.
Interne Qualitätskontrolle: Zudem kann das OFCOM externe Expertenbeurteilungen in Auftrag geben.
Wer ist wer: Serafe, SRG, BAKOM und ESTV
Die Akteure werden oft verwechselt – hier die klare Aufschlüsselung:
- Serafe – zieht den Medienbeitrag von Haushalten im staatlichen Auftrag ein
- ESTV – zieht den Medienbeitrag von Unternehmen ein
- SRG SSR – produziert öffentlich-rechtliche Medieninhalte und erhaelt den Grossteil der Mittel aus dem Beitrag
- BAKOM/OFCOM – die eidgenoessische Regulierungsbehoerde, legt Regeln fest und ueberwacht
- Bundesrat – legt die Hoehe des Beitrags und die Verteilung der Mittel fest
Serafe ist nicht SRG. Wenn Ihnen der Inhalt von SRF nicht gefaellt, ist das eine Frage an die SRG, nicht an Serafe.

Die SRG SSR ist nicht ein Gebaeude und nicht ein Fernsehsender, sondern ein Netzwerk von Redaktionen in verschiedenen Sprachregionen.
Zusammenfassung fuer Erstempfaenger der Rechnung
Sie bezahlen nicht fuer den Fernseher und nicht fuer das Recht, SRF zu schauen. Sie bezahlen dafuer, dass es in der Schweiz unabhaengigen Journalismus gibt – in vier Sprachen, in allen Regionen, fuer jeden zugaenglich und kostenlos.
In einem demokratischen Staat finanzieren wir nicht nur das, was wir persoenlich jeden Tag nutzen. Wir unterstuetzen Strassen und Verkehrsinfrastruktur, weil sie fuer die gesamte Wirtschaft notwendig sind. Wir finanzieren Schulen, weil eine gebildete Gesellschaft fuer alle von Nutzen ist – auch fuer jene, die keine Kinder haben. Ebenso ist die SRG Teil der oeffentlichen Informationsinfrastruktur: Sie soll den Zugang zu verlaesslichen Informationen in allen Regionen und Sprachgemeinschaften der Schweiz gewaehrleisten.
Man kann ueber die Hoehe streiten. Man kann ueber die Kosteneffizienz streiten. Aber die Alternative – ein Medienraum, der entweder vom Staat, von Werbetreibenden oder von auslaendischen Propagandisten kontrolliert wird – erscheint deutlich schlechter.
Offizielle Webseiten:SRG SSR · SRF · RTS · RSI · RTR · SWI swissinfo.ch · BAKOM/OFCOM: Verwendung der Medienabgabe.
Diese Nachricht wurde auf Anfrage von Vladyslav Kulbachnyi uebersetzt. Sprache: Ukrainisch -> Deutsch (Schweiz). Datum und Uhrzeit: 2026-05-07 23:26 UTC. Modell: gemini/gemini-2.5-flash-lite.